Save the date: DIPSAT 2026 2.-4.Oktober 2026 in Wien
DIPsaT
12. Deutschsprachige Internationale Psychoanalytische Tagung 2.-4. Oktober 2026
Wi(e)dersprüche
Liebe Kolleginnen, Kollegen und liebe Gäste!
Es ist uns eine Freude, Sie in Wien zum 12. DIPsaT-Kongress willkommen zu heißen. Die Psychoanalyse ist von Widersprüchen geprägt, die sich immer wieder in den verschiedensten Formen und Entstellungen, sei es in Träumen, Symptomen, Witzen, Versprechern und Fehlleistungen zeigen. Aus diesem Grund ist unsere Disziplin äußerst geeignet, nicht nur die individuellen, sondern auch die immer wieder-kehrenden gesellschaftlichen und politischen Widersprüche kritisch zu
beleuchten. Unser Kongress dient dem Versuch, die aktuellen Widersprüche in
diesen bedrohlichen Zeiten im individuellen wie auch im sozio-politischen psychischen Raum zu analysieren.
Der Widerspruch gehört zum Kern der Psychoanalyse, Widersprüche zu lösen zu den großen Aufgaben für die menschliche Psyche. Jedoch: Im „Gegensinn der Urworte“ findet Sigmund Freud eine Bestätigung für die von ihm beschriebene Arbeit des Traumes, Gegensätzliches konfliktfrei darzustellen. Starke seelische Kräfte drängen zum Vermeiden des Widerspruchs, denn das Unbewusste ist dem Lustprinzip verpflichtet, es kennt nichts Negatives, keine Verneinung und nicht den Tod als etwas Unvermeidliches.
Unlustvolle Tatsachen
Als Ziel der Psychoanalyse beansprucht R. Money-Kyrle (Collected Papers, 2015) die Akzeptanz von drei Grundtatsachen des Lebens – drei facts of life: Die Erkenntnis, dass die Brust ein außerordentlich gutes Objekt ist; die Anerkennung des elterlichen Verkehrs (= der Urszene) als eines außerordentlich kreativen Akts – und damit die Akzeptanz der Unterschiede zwischen den Geschlechtern und den Generationen – und die Akzeptanz des Todes. Diese drei facts of life anerkennen zu können, bedeutet Ambivalenz und Spannung zu ertragen, zwei widersprüchliche Ideen koexistieren zu lassen und Allmachtsvorstellungen aufgeben zu können. Die damit verbundene Unlust und Kränkung erfordern den Zwischenschritt der Verneinung (S. Freud, GW XIV, S. 11–15), die einen unlustvollen Aspekt der Realität negativ bewertet und gleichsam mit einem Minus versieht. So kann
dieser Aspekt ins Bewusstsein aufgenommen anstatt durch negative Halluzination, Verleugnung und Projektion zurückgewiesen zu werden.
Das neurotische Symptom erlaubt es der Psyche, gegensätzliche Wünsche zu vereinen. „Die Situation, die so geschaffen wird, ist nun nicht weiter veränderlich, da durch Verdrängung und Konversion der Widerspruch aufgehoben ist, der zur Erledigung des Affekts aufgefordert hätte.“ (GW I, S. 181) Die unlustvolle Erkenntnis wird in der Psyche gehalten und mit Leiden, das mit Genuss verknüpft ist, bestraft.
Der Witz ist ein weiterer großer Verbündeter menschlicher Widersprüche. Schon 1905 schreibt Freud unter Verweis auf Kraepelin und Lipps: „Der Witz sei ‚die willkürliche Verbindung oder Verknüpfung zweier miteinander in irgend einer Weise kontrastierender Vorstellungen, zumeist durch das Hilfsmittel der sprachlichen Assoziation.‘ […] ‚Ein Kontrast entsteht erst dadurch, daß .... wir seinen Worten eine Bedeutung zugestehen, die wir ihnen dann doch wieder nicht zugestehen können‘.“ (GW VI, S. 8)
Widerspruch oder Wiederspruch?
Die Verleugnung des Unlustvollen bedeutet das Positiv der Neurose, die Perversion.„Bei den Massen können die entgegengesetztesten Ideen nebeneinander bestehen und sich miteinander vertragen, ohne daß sich aus deren logischem Widerspruch ein Konflikt ergäbe.“ (GW XIII, S. 84)
Freud zitiert Le Bon, um auf die veränderte Form des Denkens des Individuums in der Masse hinzuweisen, auf die „oft tiefgreifende Veränderung seiner seelischen Tätigkeit […]. Seine Affektivität wird außerordentlich gesteigert, seine intellektuelle Leistung merklich eingeschränkt […]“. (GW XIII, S. 95) „Sie [die Masse] hat das Gefühl der Allmacht, [kennt weder Zweifel noch Ungewissheit], für das Individuum in der Masse schwindet der Begriff des Unmöglichen.“ (GW XIII, S. 82) Dieses Denken bringt absolute Wahrheiten hervor, die nicht mehr für Veränderungen offen sind.
Unsere Gesellschaft ist geprägt vom Verlust ökonomischer Sicherheiten, von der Auflösung sozialer Bindungen und von ökologischen Krisen. Die Social-Media-Algorithmen tragen dazu bei, die ersehnte Autonomie eines ‚freien Ichs‘ zum fake werden zu lassen. In bubbles, in denen mitunter auch die Wahrheit beliebig erscheint, entstehen Pseudo-Individualitäten, die ihre Wahrheit in alternative facts erleben. Anstelle des konstruktiven Umgangs mit Widersprüchen werden Spaltung und Ausgrenzung vorangetrieben. Bloße Möglichkeiten werden zu überzeugt vertretenen Gewissheiten, differenzierende Betrachtungsweisen fallen Urteilen nach einem einfachen Gut-Böse-Schema zum Opfer. Befördert durch populistische Bewegungen wird ‚Wiederspruch‘ hervorgebracht, der als Wiederholung des Immer-Gleichen keinen Beitrag zur Lösung von Problemen zu leisten vermag. Dem ‚Wiederspruch‘ zu folgen ist leichter als demokratischen Strukturen zu vertrauen, welche die Rechte und Interessen aller Mitglieder einer Gesellschaft schützen.
Wahrheit allerdings kann nicht ohne Widerspruch existieren. Geht die symbolische Ebene der Sprache verloren, wird Widerspruch zur Kampfansage. Am Beispiel affektiv hoch besetzter gesellschaftlicher und politischer Diskurse zeigt sich, dass das Thematisieren von Widersprüchen oftmals sanktioniert wird und zu Ächtung und Ausschluss aus dem Diskurs führen kann.
Denken ohne Widerspruch?
Unsere Bereitschaft, Konflikt und Widerspruch zu vermeiden, schafft selbst einen Konflikt mit unserem Wunsch nach Wahrheit und Erkenntnis. Im Streben nach absoluter Wahrheit, dem ultimativen Gottesbeweis, schuf der mittelalterliche Mönch Raimundus Lullus eine ‚logische Maschine‘, die als „scharfe Waffe des erkennenden Verstandes“ (W. Künzel, P. Bexte, 1993, S. 37) wirksam werden sollte. Diese Maschine war durch „hemmungslose Kommunikation“ (ebd.) strukturiert; sie war eine Art ‚Urform‘ der intelligenten Maschinen, die nun unser Leben umgestalten. Digitalisierung und KI-Systeme bringen uns nicht nur einen gewaltigen Informations- und Wissensgewinn, sie werden auch benutzt, um Wahrheit zu manipulieren, zu fälschen, zu zerstören. Oft gerät in Vergessenheit, dass die virtuellen Bots und Agenten nicht menschlich sind. Sind diese digitalen Wesen ohne Bewusstsein bloße Projektionsflächen unserer Wünsche nach absoluter Wahrheit? Die Faszination, die das ‚Allwissen‘ der KI ausübt, lässt sie – wie in der Church of AI – zum Objekt religiöser Verehrung werden. Da ist Widerspruch vergebens.
Seit ihrer Schöpfung vor 120 Jahren hat die Psychoanalyse unter Beweis gestellt, dass sie fähig ist, sich mit verändernden Realitäten zu konfrontieren und dazu beizutragen, ihnen verstehend zu begegnen. Konflikte und Widersprüche auszuhalten und konstruktiv zu lösen, bildet die Grundlage für ein menschenwürdiges Zusammenleben. In diesem Sinn soll diese Tagung Raum für Auseinandersetzung und Austausch bieten.
Einladende Gesellschaft
Wiener Arbeitskreis für Psychoanalyse (WAP)
Teilnehmende Gesellschaften
Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG), Deutsche Psychoanalytische
Vereinigung (DPV), Schweizer Gesellschaft für Psychoanalyse (SGPsa),
Wiener Psychoanalytische Vereinigung (WPV)
Vortragende
Simon Delacher (WPV)
Sarit Kreutzer (DPG)
Marianne Scheinost-Reimann (WAP)
Andrea Schlanstein (DPV)
Wolfgang Walz (SGPsa)
Ruth Wodak (Lancaster University, Universität Wien)
Ko-Vortragende
Sebastian Baryli (WAP)
Marian Jäger (DPG)
Marcel Joos (DPV)
Irina Kazakova (WPV)
Alexandra Moskovchuk (SGPsa)
Organisationsteam WAP
Tania Bednarcik
Yvonne Czermak
Helene Griendl
Paul Hüttinger
Birgit Pulte
Marianne Scheinost-Reimann
Hemma Stallegger-Dressel
Jeanne Wolff Bernstein
Amelie Zadeh
Alle Informationen zum Programm & zu Vortragenden, Rahmenveranstaltungen,
Unterkünften und Festabend finden Sie in unserem Programmheft als pdf ab 6.4. unter
Für Anmeldung & Rückfragen wenden Sie sich bitte an unser Tagungssekretariat:
dipsat2026@psychoanalyse.or.at
TAGUNGSORT
HAUS DER INGENIEURE
Eschenbachgasse 9, 1010 Wien
TEILNAHMEGEBÜHREN ab 6.4. ab 14.8.
Mitglieder 270,- 300,-
KandidatInnen 180,- 200,-
Gäste 280,- 320,-
Festabend tba
RAHMENPROGRAMM
FR 2. Oktober 14:30–15:30 Führung Freudmuseum
SA 3. Oktober 14:00–15:30 Führung Kunsthistorisches Museum
TEILNAHME AN SUPERVISIONSGRUPPEN
Die Teilnehmer werden numerisch gleich verteilt und möglichst einer/m Supervisor:in aus einem anderen Land zugeordnet. Die Gruppen bleiben gleich, die Supervisor:innen wechseln.
UNTERKÜNFTE
Bei den angeführten Hotels ist ein Zimmerkontingent für die Tagungsteilnehmer:innen reserviert und mit dem Code: Widerstand zu ermäßigtem Tarif buchbar. Wir empfehlen eine frühe Buchung, da Anfang Oktober mehrere Kongresse in Wien stattfinden.
Hotel Josefine
Esterházygasse 33
1060 Wien
Tel: +43 1 588 70 – 79
fom@hoteljosefine.at
www.hoteljosefine.at
Gästehaus des Deutschen Ordens
Singerstrasse 7/I/3
1010 Wien
Tel: +43 1 512 10 65
gaestehaus@deutscher-orden.at
www.gaestehaus.deutscher-orden.at
Hotel Altstadt Vienna
Kirchengasse 41
1070 Wien
Tel: +43 1 522 66 66 - 20
hotel@altstadt.at
www.altstadt.at
Hotel Beethoven
Papagenogasse 6
1060 Wien
Tel: +43 1 5874482-594
reservations@hotelbeethoven.at
www.hotel-beethoven.at